einen Schritt weiter....

Zur Vorgeschichte dieser Seite:
im Mai 2003 platzten unsere Homepages durch ihre reiche Bebilderung aus allen Nähten, so dass wir uns entschlossen, ihre wichtigsten Aspekte hier unter einem neuen Dach, der “Elm-Asse-Galerie” zusammenzuführen. Auf dem Wege der Internetsuche stießen wir unter den Stichworten  ́elm - asse - galerie´ auf das künstlerische Werk von Michael Benning, einem Wahl-Salzdahlumer Künstler mit bemerkenswertem Werdegang. Wir bemerkten augenblicklich, dass seine Ölkreide-Zeichnungen unsere Eindrücke aus dem Tal zwischen Elm und Asse viel nachhaltiger reflektieren, als eine Digitalcamera dies je vermag. Nach kurzem telefonischen Kontakt folgten wir am 4. Juni 2003 seiner Einladung und entdeckten in seinem Atelier eine unfassbare Zahl von Kostbarkeiten. Einige Teile seiner Elm-Asse-Serie aus dem Dreieck zwischen Salzdahlum, Köngslutter und Schöningen geben wir hier mit seiner Zustimmung wieder. Wir sagen: “Vielen herzlichen Dank, Michael Benning, diese Eindrücke haben unsere Sinne geschärft und unsere Verbundenheit mit dieser Region weiter vertieft!”

Zu meiner Arbeit

    "Der Grund, warum ich überhaupt künstlerisch arbeite, war anfänglich der, dass ich ein Mittel suchte, um mein chaotisches Innenleben zu ordnen, meine Ängste und Depressionen, aber auch meine Wünsche zu konkretisieren und sichtbar zu machen. Waren die Arbeiten in den ersten Jahren ausschließlich für mich bestimmt, so hatte ich später des Bedürfnis, mich anderen mitzuteilen, meine Bilder und Schaukästen aus dem ganz intimen Zusammenhang herauszunehmen und damit die Verallgemeinerung der Inhalte zuzulassen." (Michael Benning, April 1981).

    Der Grund, warum ich nach über 30 Jahren immer noch male, ist ziemlich einfach. Zum einen ernährt mich dieser Beruf, zum anderen hört niemals der Reiz auf, neue Dinge auszuprobieren, die immer neuen Themen, die einem direkt zu Füßen liegen, aufzugreifen und zu üben, üben, üben. Je älter ich werde, und umso weniger ich die Welt verändern will, umso einfacher und im wahrsten Sinne des  Wortes "schöner" werden die Bilder. Ich dachte früher immer, im Alter oder durch Krankheit lässt die  Schaffenskraft und vor allem die Qualität nach. Aber ich merke das Gegenteil bei mir. Die Malerei gibt mir Kraft und Lebensmut und ich denke, wenn ich weiter so zulege, werde ich in 50 Jahren richtig gute Bilder malen! - Denn solange ich male, lebe ich. So einfach ist das.

Michael Benning im Juni 2003
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Ausschnitt

Braunschweiger Zeitung, 20. April 2004

Zauberhafter Süden: Salzdahlum

„Dem steht das Wasser bis zum Hals"
Ausstellung zum 60ten Geburtstag von Michael Benning in der Torhausgalerie des Bundesverbandes Bildender Künstler (BBK) am Botanischen Garten Braunschweig, im Juni 2007

„Bisschen bollerig, aber immer gerade raus!" O-Ton Michael Benning über - Michael Benning. Vielleicht hatte der Künstler an diesem Tag dem Poltergeist in sich eine Ausgangssperre erteilt, aber einen Benningschen Bollerkopp haben wir bei unserem Rundgang durch die BBK-Galerie nicht erlebt.
         Benning, dem der BBK zum 60. Geburtstag eine Ausstellung gewidmet hat, redet klar und sachlich über sein großes Schaffensthema: den Tod. Und das Grauen, das diesem Endpunkt vorgeschaltet ist. Vor fünf Jahren war der „zähe Hund" zu „99 Prozent tot". Seitdem habe er eine größere Gelassenheit und keine große Angst mehr vor dem Tod. Bevor wir dann allein weiter schauen, bollert der ehemalige HBK-Meisterschüler diesen schönen Satz gerade raus: „Ich habe vor, noch cirka 50 Jahre zu arbeiten und dann ein guter Künstler zu werden."

Schau(er)kästen

In der ersten Etage sind die Arbeiten aus den 70er-Jahren zu sehen. Diese Schau(er)kästen ballen sich in dem kleinen Raum zu einem Gruselkabinett. In ihnen komponiert Benning aus toten Vögeln mit gebrochenen Flügeln, zerschundenen Babypuppen, Ketten und lauter grobem, erdigem, symbolhaft aufgeladenem Inventar verstörende Szenarien. Man erfährt sinnlich und drastisch die Einsamkeit, die rohe Gewalt, die Verlorenheit und die Verlassenheit seit der Gewahrung der Welt aus dem Mutterschoß. Immer wieder taucht er selbst als kleine Figur oder angekokeltes Foto in diesen horriblen Albtraumkistchen auf. Seine Ängste, seine Depressionen, seine Verzweiflung hat Benning in diese Kästen eingepfercht und damit das Monströse verkleinert auf Spielzeugformat. Mancher bandagierte Vogel (Seelenkrüppel), mancher Schafskiefer, der sich zum Engelsflügel aufschwingt (Erlösungssehnsucht), ist vielleicht etwas überdeutlich geraten. Doch wenn man den ersten Abscheureflex hinter sich hat, formen sich die Kästen zu einem elegischen, morbiden Gesamtkunstwerk. Nicht schön, aber melancholisch umflort, ein bisschen geheimnisvoll.
         Eine Treppe tiefer und 30 Jahre später geht es nicht minder geheimnisvoll, aber gelassener zu. Der Tod greift nicht mehr mit dürrer Vogelkralle nach dem Leben, sondern mäandriert subtiler, ironisch gebrochen durch die sehr dichte Portraitmalerei der späten Jahre. Da ist der See Cocytus aus Dantes „Göttlicher Komödie". Die todgeweihten, kahlen Schädel sind halb versunken in dem Eissee. Es ist immer Bennings Kopf. Seine verdammte Seele. Schauerlich surreal, diese Eishölle. „Manche sagen, dem Benning steht das Wasser bis zum Hals", feixt er, und schon ist der kalte Hauch wieder verweht.

Lebenslust mit Schatten

Dann gibt's noch reichlich Zitate der großen alten Meister. Zum Beispiel: Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrring, das er wiederum als Motiv einem Zeitungsausschnitt zum gleichnamigen Film entnommen hat, stellt er den Tod beiseite. So hat jede Lebenslust ihren Endzeit-Schatten. In der Serie Tödlein setzt er eine ganze Wand mit kleinen Portrait -Bildern zu einem ironischen Zitat von Votivtafeln zusammen. Dass der Tod seinen Schrecken in Bennings Werk und wohl auch Leben verloren hat, zeigen am deutlichsten die „ Urnen für den Hausgebrauch". Lauter kleine Bilder von Urnen. Preiswert zu haben und gleich mitzunehmen. Modell „Fred". Vielleicht ein Renner wie bei Ikea das Billy-Regal? Ein Schelm, wer Makaberes dabei denkt.          Susanne Jasper, BZ im Juni 2007